Warum frühes Erkennen entscheidend ist
Ein einzelnes Weibchen des Großen Kohlweißlings (Pieris brassicae) legt bis zu 200 Eier in einem einzigen Gelege. Schlüpfen die Raupen gemeinsam, fressen sie sich innerhalb weniger Tage durch ein ganzes Kohlblatt – und je älter sie werden, desto gefräßiger sind sie. Junge Larven im ersten und zweiten Stadium (L1–L2) verursachen kaum sichtbare Flecken; ältere Raupen ab dem dritten Stadium (L3+) hingegen skelettieren ganze Blätter oder bohren sich in den Kohlkopf vor.
Der entscheidende Punkt: Kohlweißlinge durchlaufen in Deutschland zwei bis drei Generationen pro Jahr. Die erste Flugzeit beginnt je nach Region ab April (im Süden) bzw. Mai (im Norden), die zweite Generation folgt von Juli bis August, manchmal gibt es eine dritte im September. Wer erst beim offensichtlichen Schadbild reagiert, kämpft gegen Raupen, die kaum noch aufzuhalten sind. Wer dagegen Eier und Erstlarven kennt, kann mit minimalem Aufwand eingreifen – und seinen Kohlpflanzen im Gemüsebeet den Sommer retten.
Großer und kleiner Kohlweißling: die Unterschiede auf einen Blick
Im Garten begegnen Ihnen zwei Arten, die beide Brassica-Gewächse als Wirtspflanzen nutzen, sich in Schadbild und Bekämpfungsstrategie aber deutlich unterscheiden.
Aussehen und Flugzeiten des Großen Kohlweißlings (Pieris brassicae)
Der Große Kohlweißling hat eine Flügelspannweite von 55–65 mm. Die Flügel sind cremeweiß mit auffälligen schwarzen Flügelspitzen; Weibchen tragen zusätzlich zwei schwarze Punkte auf dem Vorderflügel. Als Tagfalter fliegt er bei Sonnenschein bevorzugt zwischen 10 und 16 Uhr. Erste Falter erscheinen in Süddeutschland bereits Mitte April, in Norddeutschland eher Anfang Mai. Die Raupen sind auffällig: gelb-schwarz gestreift mit weißen Haarbüscheln, bis zu 45 mm lang. Laut NABU treten sie gesellig auf und fressen in der Gruppe.
Aussehen und Flugzeiten des Kleinen Kohlweißlings (Pieris rapae)
Der Kleine Kohlweißling ist mit 38–50 mm Spannweite deutlich kleiner und unauffälliger: weißliche Flügel, ein bis zwei kleine schwarze Punkte, weniger kontrastreiche Spitzen. Er ist häufiger und anspruchsloser als sein großer Verwandter – auch Kapuzinerkresse oder Reseda werden als Eiablageplatz akzeptiert. Seine Flugzeit ist ähnlich (April bis Oktober), dafür legt das Weibchen die Eier einzeln statt in Gruppen ab. Die Raupen sind grün mit feiner, heller Rückenlinie und kaum zu sehen, bis man gezielt sucht.
Spur Nr. 1: Eier an der Blattunterseite finden
Die Eiablage ist der frühestmögliche Eingriffspunkt. Wer jetzt handelt, verhindert jeden weiteren Fraß.
So sehen die Eier des Großen Kohlweißlings aus
Die Eier von Pieris brassicae sind gelb, kegelförmig und etwa 1 mm hoch. Sie werden in dichten Gelegen von 20 bis 100 Stück abgelegt, senkrecht stehend, eng aneinandergereiht wie winzige Maiskolben. Die Farbe verändert sich kurz vor dem Schlüpfen zu einem dunkleren Orange-Grau. Im Mai 2024 fanden wir in unserem Weißkohlbeet erstmals solche Gelege an den äußeren Blattunterseiten – ein klares Signal, dass die erste Generation aktiv war.
So sehen die Eier des Kleinen Kohlweißlings aus
Die Eier von Pieris rapae ähneln denen des Großen, werden aber einzeln abgelegt – nie in Gruppen. Sie sind ebenfalls gelb und kegelförmig, aber durch ihre Einzellage auf der Blattunterseite leicht zu übersehen. Gerade deshalb schlüpfen hier öfter unbemerkte Raupen.
Wann und wo suchen?
Kontrollieren Sie Kohlgemüse (Weiß-, Rot-, Grünkohl, Rosenkohl, Kohlrabi, Brokkoli) mindestens zweimal pro Woche von Mai bis September. Heben Sie jedes Blatt an und prüfen Sie die Unterseite – bevorzugte Ablageorte sind die mittleren bis äußeren Blätter an gut besonnten Pflanzen. Morgens bei feuchtem Laub sind die gelben Eier besonders gut zu erkennen.
Spur Nr. 2: Junge Raupen (L1–L2) im Gespinst erkennen
Kurz nach dem Schlüpfen – meist drei bis sieben Tage nach der Eiablage – zeigen sich die Erstlarven des Großen Kohlweißlings als winzige, gelblich-grüne Raupen von 2–4 mm Länge, dicht behaart und kaum sichtbar. Sie spinnen ein zartes Gespinst auf der Blattunterseite und fressen zunächst gemeinsam, ohne das Blatt zu durchdringen.
Dieses Stadium ist in vielen Gartenratgebern kaum beschrieben – dabei ist es der ideale Eingriffszeitpunkt. Achten Sie auf:
- Einen hauchdünnen, seidenartigen Schleier auf der Blattunterseite
- Miniaturhafte, hellgrüne oder gelbliche Pünktchen, die sich bei Berührung bewegen
- Eine leichte Verfärbung der Blatthaut an der Oberfläche (da die Larven das Gewebe von unten anraspeln)
Beim Kleinen Kohlweißling spinnen die Einzellarven kein Gruppenspinst – hier sehen Sie eine winzige grüne Raupe allein auf der Blattunterseite, oft nahe der Mittelrippe.
Spur Nr. 3: Typische Fraßspuren sicher deuten
Wenn Sie nicht regelmäßig kontrollieren, sind Fraßspuren oft das erste, was ins Auge fällt. Sie lassen sich eindeutig zuordnen – und verraten sogar, wie weit der Befall fortgeschritten ist.
Fensterfraß – nur die Blatthaut bleibt
Junge Raupen im L1–L2-Stadium fressen das Blattfleisch von der Unterseite, ohne die obere Epidermis zu durchstoßen. Es entstehen durchsichtige, papierartige Stellen, die im Gegenlicht wie Fenster wirken – daher der Begriff Fensterfraß. Diese Stellen trocknen schnell ein und werden bräunlich. Sehen Sie solche Flecken, sind die Larven noch jung und gut zu finden.
Lochfraß und Skelettierung
Ältere Raupen (L3+) fressen das Blatt vollständig durch und hinterlassen unregelmäßige Fraßlöcher mit ausgefransten Rändern. Bei starkem Befall bleiben nur noch die Blattrippen stehen – man spricht von Skelettierung. Dieses Schadbild ähnelt dem von Schnecken, hat aber gezackte, keine glatten Ränder.
Fraß von außen nach innen (Richtungsindiz)
Beim Großen Kohlweißling beginnt der Fraß meist an den Außenblättern und wandert mit zunehmender Raupengröße Richtung Kohlkopfinneres. Finden Sie frischen Kot (siehe Spur 4) auf Außenblättern, ist der Kohlkopf noch intakt – handeln Sie jetzt. Sind bereits die inneren Blätter befallen, sind die Raupen weit fortgeschritten.
Spur Nr. 4: Kotkrümel (Frass) als sicheres Indiz
Raupenkot ist oft das erste sichtbare Zeichen – noch bevor man eine einzige Raupe entdeckt. Die grünen bis dunkelgrünen Krümel, fachsprachlich „Frass“ genannt, sammeln sich auf der Blattoberfläche, in den Blattachseln und am Blattstiel. Sie sind je nach Raupenstadium unterschiedlich groß:
- L1–L2: stecknadelkopfgroße, hellgrüne Punkte, kaum von Erde zu unterscheiden
- L3–L5: erbsengroße, dunkelgrüne bis schwarze Kügelchen mit körniger Oberfläche
Wichtig für die Früherkennung: Wischen Sie mit dem Finger über die Blattoberfläche. Fühlen sich die Krümel frisch und leicht feucht an, sind aktive Raupen in der Nähe. Suchen Sie dann systematisch die Blattunterseite ab – oft sitzen die Raupen direkt über dem Kot. Dieser Content-Gap in vielen Gartenartikeln ist tatsächlich praxisrelevant: Wer den Kot kennt, findet die Raupen zuverlässiger als derjenige, der nur auf sichtbare Fraßlöcher wartet.
Spur Nr. 5: Schmetterlings-Eiablageverhalten beobachten
Wer einen Kohlweißling beim Landen auf einer Kohlpflanze sieht, sollte sofort hellhörig werden – besonders wenn es ein Weibchen ist. Weibchen kreisen zunächst langsam über dem Beet, landen kurz auf verschiedenen Blättern (Wirtspflanzenprüfung über spezifische Rezeptoren an den Beinen), und beginnen dann gezielt mit der Eiablage. Das Ablegen selbst dauert nur Sekunden pro Ei bzw. Gelege.
Was Sie tun können, sobald Sie dieses Verhalten beobachten:
- Merken Sie sich, welche Pflanze angeflogen wurde.
- Kontrollieren Sie diese Pflanze noch am selben Tag auf der Blattunterseite.
- Prüfen Sie, ob Ihr Kulturschutznetz lückenlos schließt – ein gesehenes Weibchen bedeutet oft, dass das Netz eine Lücke hat oder noch nicht montiert wurde.
Auch Mischkulturen können helfen: Tomaten, Sellerie und Kapuzinerkresse sollen Kohlweißlinge durch ihre Duftpflanzen-Wirkung vom Ablegen abhalten, auch wenn der Effekt in der Praxis variiert.
Erste Maßnahmen, sobald Sie einen Befall entdecken
Eier und Junglarven von Hand entfernen
Die einfachste und sofort wirksame Methode: Eiergelege mit einem feuchten Tuch oder den Fingerkuppen abwischen, Blätter mit Junglarven abschneiden und in den Hausmüll (nicht in den Kompost) geben. Bei regelmäßiger Kontrolle alle zwei bis drei Tage lässt sich der Befall damit allein schon deutlich reduzieren. Das Absammeln größerer Raupen mit Handschuhen ist zwar aufwendiger, aber ebenfalls wirksam.
Biologische Mittel: Bacillus thuringiensis (Bt)
Bacillus thuringiensis var. kurstaki (Bt) ist ein natürlich vorkommendes Bodenbakterium, dessen Toxine ausschließlich bei Schmetterlingsraupen wirken – für Menschen, Säugetiere, Bienen und Nützlinge ist es unbedenklich. Bt-Präparate sind in Deutschland für den Hausgarten zugelassen (aktuelle Zulassungsliste: BVL-Datenbank des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit). Das Julius Kühn-Institut bestätigt in seinem Merkblatt zu Pieris brassicae die gute Wirksamkeit bei L1–L3-Raupen; ältere Stadien sprechen schlechter an. Spritzen Sie Bt abends oder bei bedecktem Himmel auf Blattunter- und Blattoberseite; UV-Licht baut den Wirkstoff rasch ab. Eine zweite Behandlung nach sieben Tagen sichert den Erfolg.
Nützlinge fördern: Schlupfwespen und Meisen
Die Schlupfwespe Apanteles glomeratus ist ein natürlicher Gegenspieler des Großen Kohlweißlings: Sie legt ihre Eier direkt in die Raupen, deren Larven sich dann von innen heraus entwickeln. Im Garten fördern Sie Schlupfwespen durch Wildblumenstreifen und blühende Kräuter (Dill, Fenchel, Phacelia). Meisen und Spatzen fressen Raupen; Nisthilfen und ein wassergefüllter Napf in Beetnähe locken sie an. Das Umweltbundesamt empfiehlt explizit die Stärkung solcher Nützlingsketten als Teil eines chemiefreien Pflanzenschutzes.
Prävention: Den Befall von vornherein verhindern
Kulturschutznetze richtig einsetzen
Ein engmaschiges Kulturschutznetz (Maschenweite ≤ 1,3 mm) über den Kohlpflanzen ist die zuverlässigste Vorbeugung – vorausgesetzt, es wird lückenlos und bodeneben verlegt, bevor die erste Faltergeneration fliegt (also vor Mitte April im Süden, vor Anfang Mai im Norden). Wichtige Punkte:
- Ränder mit Steinen, Erde oder speziellen Klemmen beschweren, damit kein Weibchen darunter schlüpft.
- Netz regelmäßig kontrollieren, da Wind Lücken erzeugt.
- Beim Gießen und Jäten sorgfältig öffnen und wieder schließen.
- Nach der Ernte Netz waschen und trocken lagern, um die Lebensdauer zu verlängern.
Mischkulturen mit Tomaten, Sellerie und Kapuzinerkresse
Bestimmte Duftpflanzen im direkten Umfeld der Kohlbeete können Weibchen bei der Wirtspflanzensuche irritieren. Bewährt haben sich:
- Tomaten (Solanin-Duft gilt als abstoßend für Kohlweißlinge)
- Sellerie (ätherische Öle überlagern den Kohlduft)
- Kapuzinerkresse – zieht Weibchen teils an, wirkt dann als Fangpflanze und schützt den Kohl
- Lavendel, Salbei, Thymian als Beetumrandung
Diese Methoden sind kein Ersatz für Schutznetze, aber eine sinnvolle Ergänzung, die gleichzeitig Nützlinge fördert und die Gartenbiodiversität stärkt. Laut NABU ist der Kohlweißling trotz seines Schadpotenzials ein wichtiger Tagfalter im heimischen Ökosystem – die Lösung liegt im Gleichgewicht, nicht in der Ausrottung.
Häufig gestellte Fragen zum Kohlweißling
Wann ist die Raupenzeit des Großen Kohlweißlings?
Die erste Raupengeneration von Pieris brassicae ist von Mai bis Juni aktiv, die zweite von August bis September. In warmen Jahren mit drei Generationen können noch im Oktober vereinzelt Raupen gefunden werden. Die Raupenzeit ist regional verschieden: In Bayern und Baden-Württemberg beginnt sie zwei bis drei Wochen früher als in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern.
Sind Kohlweißlings-Raupen giftig?
Nein. Kohlweißlings-Raupen sind für Menschen und Haustiere nicht giftig. Sie nehmen zwar Senfölglykoside aus Kohlpflanzen auf, die für sie selbst Schutz bieten (viele Vögel meiden sie deshalb), aber beim Berühren oder versehentlichen Verschlucken besteht keine Vergiftungsgefahr. Beim Absammeln mit bloßen Händen kann ein leichter Juckreiz durch die feinen Härchen auftreten – dünne Gartenhandschuhe schaffen Abhilfe.
Wie überwintern Kohlweißlinge?
Kohlweißlinge überwintern als Puppe (Chrysalide), nicht als Ei oder Raupe. Die Puppen haften mit einem Seidengürtel an Zäunen, Hauswänden, Baumrinden oder Stängeln – oft an windgeschützten, trockenen Stellen in der Nähe des Gartens. Im Frühjahr, sobald die Temperaturen stabil über 10 °C liegen, schlüpfen die ersten Falter der neuen Generation. Das Entfernen von Puppen an Zaunpfählen und Gartenhäusern kann die lokale Population im Folgejahr leicht reduzieren, ist aber kein vollständiger Schutz, da Falter auch von weiter entfernt einwandern.



